„Nichts scheut ein Zeitungsverlag mehr als Öffentlichkeit“

Warum die Eßlinger Zeitung (größtenteils) nach Vergütungsregeln zahlt

EIN ERFAHRUNGSBERICHT VON GESA VON LEESEN

Als Anfang 2010 die Vergütungsregeln Wort in Kraft traten, diskutierten die freien MitarbeiterInnen der Eßlinger Zeitung (EZ) bei einem ihrer Stammtische darüber. Würde die EZ von sich aus zahlen? Immerhin war die Verlegerin der EZ, Christine Bechtle-Kobarg, im Vorstand des Südwestdeutschen Zeitungsverlegerverbandes. Dessen Bundesverband hatte die Abmachung mit der dju in Ver.di und dem DJV ja unterzeichnet. Aber – wenig überraschend – die EZ tat es nicht. Also überlegten wir (etwa zwanzig Leute), wie wir an das uns zustehende Geld kommen könnten.

Gemeinsamer Kampf und öffentlicher Druck

Erster Schritt: Eine kleine Handvoll Freier traf sich mit dem dju-Rechtswanwalt Wolfgang Schimmel in einem Tagungshaus auf der Schwäbischen Alb. Wir informierten uns über die Rechtslage, überlegten, wie wir vorgehen sollten. Dann begann der Kampf: Im März formulierten wir einen Brief an den Chefredakteur, in dem wir auf die Geltung der Vergütungsregeln hinwiesen. Fast alle unterschrieben! Keine Antwort. Ver.di formulierte einen Brief. Keine Antwort. Am Stammtisch diskutierten wir weiter. Wir begannen, Politiker auf die Nichteinhaltung der Vergütungsregeln durch die EZ hinzuweisen. Beim 1. Mai griff die Hauptrednerin in Esslingen, Leni Breymaier, das Thema auf. Aus dem Verlag hörten wir, dass der Geschäftsführer wild entschlossen sei, nicht zu zahlen. Wir formulierten eine Anzeige, in der wie die Leser darauf hinwiesen, wie schlecht die Artikelautoren bezahlt würden. Natürlich wussten wir, dass die Anzeige niemals gedruckt würde, doch wir waren überzeugt: Nichts scheut ein Zeitungsverlag mehr als Öffentlichkeit. Der Anzeigenentwurf ging einigen von uns zu weit. Sie hatten Schiss, wollten nicht mehr mitziehen. Aber die deutliche Mehrheit blieb an Bord. Der Anzeigenauftrag wurde Ende Juni von Ver.di Baden-Württemberg bei der EZ eingereicht. Und dann ging´s los: Ressortleiter begannen die Freien anzurufen mit der ultimativen Aufforderung, sie sollten schriftlich erklären, für die alten Zeilenhonorare (37 bis 45 Cent) zu arbeiten. Begründung: Wir Freien seien nicht hauptberuflich journalistisch tätig. Dabei hatten wir alle schon unsere Presseausweise oder unsere KSK-Mitgliedschaft eingeschickt. Diese üble Tour machten wir über die Gewerkschaften öffentlich. In den Fachmedien erschienen Meldungen über die Telefonate.

Erfolg mit Ausstrahlungskraft auf Nachbarzeitungen

Und plötzlich – es war Mitte Juli – bekamen alle kämpferischen EZ-Freien eine Mail vom Verlag. Inhalt: Selbstverständlich werde die Zeitung rückwirkend zum 1. Februar nach Vergütungsregeln zahlen! Das gab der Verlag auch an die Fachmedien. Und so kam es auch. Als das klar war, genügte bei den Nachbarzeitungen „Teckbote“ und „Nürtinger Zeitung“ die Anfrage, ob sie sich auch an die Vergütungsregeln halten, dass sie sofort zusagten.

Die EZ hält sich seitdem also an die Grundhonorare für die Zeile (62 Cent). Die Besonderheiten, wie mehr Geld für Reportagen oder Feuilleton, werden allerdings nicht berücksichtigt. Als die Vergütungsregeln Foto in Kraft traten, rührten wir uns gar nicht. Die Erhöhung kam vom Verlag von ganz alleine, gezahlt wird also je nach Größe 28/32/38/40 Euro, 38 ist am häufigsten (Zwei- und Dreispalter), vorher zahlte sie um die 30 Euro.

Resümee und Appell für Geschlossenheit

Warum hat das Engagement der EZ-Freien Erfolg gehabt? Weil es schon länger den Freien-Stammtisch gab und man sich vertraute, weil jedeR wusste, was der/die andere an Honorar bekam, weil alle in einer der Gewerkschaften waren (die meisten bei der dju/verdi), weil es einige Zugpferde gab, die entschlossen waren, Ideen hatten, den Kontakt mit Ver.di hielten, informieren konnten, die Leute ermutigten, weil den meisten klar war, dass man nur gemeinsam etwas erreichen kann.

 

Zur Person

Gesa von Leesen ist freiberufliche Journalistin und Moderatorin. Für die Eßlinger Zeitung arbeitet sie seit dem Jahr 2005. Sie ist Mitglied des Landesvorstands der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union in Baden-Württemberg (dju) und Mitglied des Bundesfachbereichsvorstands im Fachbereich Medien, Kunst Industrie der Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft (Ver.di).

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