„Nie wieder für ein Anzeigenblatt“

Tagblatt Anzeiger. Foto: Martin Schreier
Tagblatt Anzeiger. Foto: Martin Schreier

Seit rund 18 Jahren arbeitet sie als Journalistin. Fünf davon als hauptberuflich Freie für den Tagblatt Anzeiger (TA). In dieser Zeit schrieb sie mehrere hundert Artikel (Berichte, Reportagen, Interviews) und lieferte Fotos in ähnlicher Größenordnung. Bis zum Jahr 2013 erhielt sie 10,23 Euro pro Bild. Ab dem Jahr 2014 waren es 10,50 Euro. Das Texthonorar betrug während der gesamten Zeit dreißig Cent pro Zeile – unabhängig von der Textgattung. All das bei einer Auflage des Tagblatt Anzeigers von ungefähr 75 000 (Stand 2016).

Nach dem Ende der Zusammenarbeit entschloss sich die Journalistin zur Klage gegen den geschäftsführenden Verlag, Schwäbisches Tagblatt GmbH und verlangte Honorarnachzahlungen auf Grundlage der Gemeinsamen Vergütungsregeln für hauptberuflich freie Journalisten an Tageszeitungen. Während der Verhandlung beim Stuttgarter Landgericht am 8. November 2016 kamen die Richter zur Ansicht, dass ein Zeilenhonorar von 0,35 Euro und ein Bildhonorar von zwanzig Euro im vorliegenden Fall angemessen wären.

Obwohl am Ende des Verfahrens ein Vergleich stand, der über diese Einschätzung hinausging, war das Ergebnis für die Klägerin frustrierend. Schließlich musste sie sich mit weniger als einem Viertel der von ihr ursprünglich erhofften Honorarnachzahlung zufrieden geben. Ob ihre Enttäuschung berechtigt ist und wie es dazu kam, versuchen wir in den weiteren Textbeiträgen (siehe unten) nachzuvollziehen. Wir haben das Verfahren beobachtet und mit der Klägerin gesprochen. (sc)

 

Telefoninterview

9. November 2016, ein Tag nach dem Gerichtstermin

verguetungsregeln.wordpress.com (vrwpcom): Wie geht’s dir nach der Verhandlung?
Klägerin: Heute geht’s mir wieder gut.

vrwpcom: Das kann einen ziemlich betroffen machen, wenn Dinge nicht ganz so eintreffen, wie erhofft.
Klägerin: „Nicht ganz so“, ist ein bisschen untertrieben. Ich habe es mir gestern und heute noch mal durch den Kopf gehen lassen. Im Grund habe ich das Gegenteil dessen erreicht, was ich erreichen wollte.

vrwpcom: Und das wäre?
Klägerin: Wenn ich jetzt noch freie Journalistin für den Tagblatt Anzeiger wäre und dieses Urteil mitbekommen würde, würde ich nie klagen.

vrwpcom: Du bereust also, dass du die Klage erhoben hast?
Klägerin: Bereuen ist das falsche Wort. Aber das Ergebnis setzt das falsche Signal. 35 Cent pro Zeile, 20 Euro pro Bild – das rechnet sich einfach nicht. Jedenfalls werde ich nie wieder für ein Anzeigenblatt schreiben – in meinem ganzen Leben nicht mehr. (sc)

 


Mehr zur Honorarklage gegen den Tagblatt Anzeiger

Die Verhandlung der Honorarklage gegen den Tagblatt Anzeiger

Vergleichstext mit dem Tagblatt Anzeiger im Wortlaut

Einordnung und Bewertung des Verfahrens und seines Ergebnisse

Schlussfolgerungen aus der Honorarklage gegen den Tagblatt Anzeiger

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