Analyse des Verfahrens gegen den Tagblatt Anzeiger

Einordnung und Bewertung

Wir haben nachgerechnet, welche Auswirkungen es gehabt hätte, wenn die Richter ihre Bewertungen und Einschätzungen direkt angewandt hätten.

Texthonorar

Nach Auffassung der Klägerin hätte ihr für die Jahre 2013 bis 2015 ein Texthonorar in Höhe von 21 183 Euro zugestanden. Das Gericht ging aber davon aus, dass Zeilen im Tagblatt Anzeiger durchschnittlich nur 23 Buchstaben haben, wohingegen die Normalzeile in den GVR von 37 Buchstaben ausgeht. Folgt man diesem Einwand, müssten von der Forderung der Klägerin etwa 38 Prozent abgezogen werden. Das Gericht ging ferner davon aus, dass dem Tagblatt Anzeiger lediglich ein Zweitdruckrecht eingeräumt wurde. Folglich müssten aus der bereits um 38 Prozent verminderten Honorarerwartung weitere rund 25 Prozent abgezogen werden (so viel liegen die Honorarsätze für Zweitdruckrechte ungefähr unter denen der Erstdruckrechte). Und zuletzt war das Gericht der Ansicht, dass Aktualitäts- und Qualitätsansprüche von Anzeigenblättern erheblich unter denen von Tageszeitungen liegen. Dafür hätten die Richter weitere dreißig Prozent abziehen wollen. Nach all diesen Abschlägen hätte die Klägerin für die Texte bereits 1 290 Euro zu viel Honorar bekommen.

Abschlag Zeilenlänge

Diese Auffassung widerspricht zum großen Teil unserer Sicht. Richtig ist, dass die Zeilen im Tagblatt Anzeiger (TA) tatsächlich deutlich weniger Buchstaben haben als die in den GVR zugrunde gelegte Normalzeile. Wir haben drei zufällig ausgewählte TA-Texte hinsichtlich der Zeilenzahl untersucht. Alle Texte sind der Ausgabe vom 09.11.2016 entnommen. Der Aufmacher auf Seite 1, „Barzahlen mit Barcode“, hat ohne Überschrift 1610 Buchstaben in 69 Zeilen. Das zweite Textbeispiel, ein Interview mit dem Titel „Konzertsaal als Kulturmagnet“ hat ohne Überschrift 2782 Buchstaben in 109 Zeilen. Das dritte Beispiel, ein Kommentar, der mit „Das Ende der Bankfilialen“ überschrieben ist, hat 1405 Buchstaben in 67 Zeilen. Daraus ergeben sich durchschnittlich 23,3 Buchstaben pro Zeile für die Titelgeschichte, 25,5 Buchstaben pro Zeile im Interview und 21 Buchstaben pro Zeile im Kommentar. Gemäß GVR sind Abschläge für die im Tagblatt Anzeiger üblichen kurzen Zeilen also durchaus berechtigt.

Exkurs: Berechnung der Zeilenlänge der GVR-Normalzeile

Eine andere Frage ist, inwieweit es Sinn macht, ein Zeilenhonorar ausschließlich an Buchstaben festzumachen. Neben Buchstaben enthalten Texte Leerzeichen, Satzzeichen, Ziffern und mehr. Auch diese Zeichen werden vom Autor in seiner kreativen Arbeit sinn- und sachgerecht eingesetzt. Man würde doch gerne mal die Antwort eines (Chef)Redakteurs hören, wenn ein freier Journalist ihm einen Text überließe, der nur (und zwar wirklich nur) aus Buchstaben besteht – ohne Leerzeichen, ohne Satzzeichen, ohne, ohne, ohne… Es ist offenkundig: Die Bemessung der Zeilen allein nach Buchstaben ist realitätsfremd und unangemessen.

Abschlag Zweitdruckrecht

Für falsch und unberechtigt erachten wir den Abzug fürs Zweitdruckrecht. Die Klägerin wurde jeweils vom Tagblatt Anzeiger mit Themen und Terminen beauftragt. Es bedarf keiner großen Phantasie, um sich vorzustellen, wie der Verlag reagiert hätte, wären die beauftragten Texte von der Klägerin zuerst an ein Konkurrenzblatt verkauft worden. Wie oft wäre sie in einem solchen Fall wohl noch vom Tagblatt Anzeiger beauftragt worden?

Abschlag „Anzeigenblatt“

Ein weiterer Abschlag wäre nach Ansicht der Richter für die Tatsache fällig gewesen, dass die Nutzungsrechte an ein Anzeigenblatt verkauft wurden. Während die Richter in Düsseldorf einen 15-prozentigen Abschlag für angemessen hielten, sprachen die Stuttgarter gar von dreißig Prozent. Dabei betrifft das Argument der gegenüber Tageszeitungen geringeren Aktualität auch andere Printmedien, etwa Wochenzeitungen. Schwer vorstellbar, dass Journalisten von Wochenzeitungen oder Magazinen deshalb nur ein geringeres Honorar beanspruchen können. Einwand und Abschlag in Bezug auf die Qualität mögen noch am ehesten gerechtfertigt erscheinen. Allerdings muss man sich in Zeiten von sinkenden Abonnentenzahlen schon fragen, ob die Tatsache, dass sich eine Zeitung mehrheitlich oder ganz aus Anzeigen finanziert, zwingend zur Folge haben muss, dass der Qualitätsanspruch an die redaktionellen Beiträge sinkt. Ein dreißigprozentiger Abschlag ist definitiv kein Beitrag zur Aufrechterhaltung journalistischer Qualitätsstandards.

Hätten die Richter lediglich Abschläge für die kürzeren Zeilen und einen 15-prozentigen Abschlag für die geringere Qualität von Anzeigenblättern vorgenommen, hätten der Klägerin nach unserer Rechnung für ihre Texte knapp 3 000 Euro Nachzahlung zugestanden. Der Betrag entspricht in etwa dem, was sie für ihre Texte im Vergleich bekommen hat.

Wäre es aber zu einem Urteil gekommen und hätten die Richter (wie angekündigt) 2 000 Euro als Nachzahlung für die Texte festgesetzt, hätten sie damit gegen fast alle von ihnen selbst ins Feld geführten Einschätzungen und Abschläge verstoßen. Ihr in Aussicht gestelltes Urteil erscheint insofern erratisch, inkonsistent.

Bildhonorar

Bei den Nutzungsrechten für Bilder sieht die Situation ähnlich aus. Nach Erwartungen der Klägerin hätten ihr dafür 9 648 Euro zugestanden. Weil der TA lediglich 2 080 Euro gezahlt hatte, wäre aus ihrer Sicht eine Nachzahlung von 7 568 Euro fällig gewesen. Das Gericht hingegen hätte Abschläge fürs Zweitdruckrecht (25 %) sowie für geringere Aktualitäts- und Qualitätsanforderungen (30 %) vornehmen wollen. Folglich hätten der Klägerin in diesem Fall nur knapp 3 000 Euro Nachzahlung zugestanden. Bei den Fotohonoraren hätte sich das Gericht, im Falle eines Urteils offenbar stärker an den eigenen Argumenten orientiert.

Doch auch in diesem Fall finden wir die Bewertung unangemessen. Wie bereits oben ausgeführt, hätte auch für die Bildnutzungsrechte das Erstdruckrecht gelten müssen und ein dreißigprozentiger Abschlag für geringere Qualität ist übertrieben. Ein Bewertung nach Erstdruckrecht und ein 15-prozentiger Abschlag für Anzeigenblatt-Qualität hätte der Klägerin nach unserer Berechnung einen Nachzahlungsanspruch von 6 120 Euro für die Bilder beschert. Zusammen mit den Forderungen für die Texte wären es also rund 9 100 Euro gewesen. Wenn man dann noch berücksichtigt, dass die Texte außerdem online erschienen sind – und zwar nicht nur beim Tagblatt Anzeigers sondern auch bei der Neckar Chronik – dann wäre eine fünfstellige Forderung mehr als berechtigt gewesen.

 


Mehr zum Fall der Honorarklage gegen den Tagblatt Anzeiger

Kurzüberblick und -interview  „Nie wieder für ein Anzeigenblatt“

Die Verhandlung der Honorarklage gegen den Tagblatt Anzeiger

Der Vergleich mit dem Tagblatt Anzeiger im Wortlaut

Schlussfolgerungen aus der Honorarklage gegen den Tagblatt Anzeiger

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