Wildeshauser Zeitung und Kreiszeitung Syke unterliegen im Honorarstreit

Nachdem sie Gespräche und außergerichtliche Bemühungen ignorierten, müssen Wildeshauser Zeitung (WZ) und Kreiszeitung Syke (Mediengruppe Kreiszeitung, MK) bis zu fünfstellige Honorarnachzahlungen leisten. Warum es sich lohnt, Verlage in die Pflicht zu nehmen und welche Risiken das birgt.

EIN ERFAHRUNGSBERICHT VON MARTIN SIEMER

Ob ich ein guter Journalist bin, das mögen andere beurteilen. Ich schreibe jedoch seit eineinhalb Jahrzehnten für verschiedene große Lokalzeitungen in der Region Oldenburg-Bremen – mit allem was dazu gehört: Kommunalpolitik, Wirtschaft, Kultur und Vereinsleben. In dieser Zeit habe ich erlebt, wie freie Journalisten im Lokalen mit Honoraren abgespeist werden, die nicht einmal den Mindestlohnansprüchen genügen. Eine dreistündige Ratssitzung bringt 200 Zeilen, die wiederum mit 40 Euro vergütet werden. Vorbereitungszeiten und die Zeit, die das sorgfältige Schreiben benötigt, sind damit ebenfalls abgegolten. Rechnet man insgesamt fünf Stunden Aufwand für den Artikel, bleibt ein Stundenlohn von 8 Euro – brutto versteht sich. Denn alle Kosten für Sozialversicherung, Technik oder Reisekosten, die mir als freiem Journalisten entstehen, trage ich selbst.

Verlage ignorieren Aufforderung zur Honoraranpassung

Weil die Situation insgesamt unbefriedigend war, habe ich Ende 2013 das Gespräch mit der Chefredaktion der zur Ippen-Gruppe gehörenden Mediengruppe Kreiszeitung (MK) gesucht. Zu dem Verlag gehören unter anderem die Kreiszeitung Syke und die Wildeshauser Zeitung (WZ), zwei Medien, für die ich über Jahre intensiv geschrieben habe. Ziel des Gespräches war, vor dem Hintergrund der 2013 ergangenen Urteile zugunsten freier Journalisten, bessere Honorarbedingungen zu erreichen. Die Mediengruppe Kreiszeitung zahlte damals 20 Cent je Zeile (24 Anschläge) und 13 Euro pro Bild. Im Verlauf des Gesprächs mit Chefredakteur und Geschäftsführer habe ich deutlich gemacht, dass ein auskömmliches Arbeiten als freier Journalist nur möglich ist, wenn man Masse liefert. Darunter leidet aber die Qualität, da man zum Beispiel Sitzungen oder Veranstaltungen nur kurzzeitig besuchen kann, weil Folgetermine anstehen. Der damalige Geschäftsführer argumentierte, dass die Qualität nicht immer das Maß aller Dinge sein kann.

Letzter Ausweg Honorarklage

Nachdem es von der Gegenseite keinerlei Angebot zur Anpassung der Honorare gab, habe ich im Dezember 2013 einen Bremer Fachanwalt mit der Wahrnehmung meiner Interessen beauftragt. Ich habe das damals ohne eine Journalistengewerkschaft im Rücken initiiert und im vollen Bewusstsein, dass die Aufträge im Lokalen wegbrechen werden. Ich hielt es, und halte es auch heute noch, für unbedingt notwendig, für faire Honorare zu kämpfen. Denn es kann nicht sein, dass Zeitungsverlage auf dem Rücken der freien Mitarbeiter ihre Renditen einfahren.

Zunächst haben wir außergerichtlich versucht, eine Honorarzahlung für die Jahre 2010, 2011, 2012 und 2013 auf Basis der Gemeinsamen Vergütungsregeln zu erreichen. Dies wurde von der Mediengruppe Kreiszeitung kurz vor Weihnachten 2013 generell abgelehnt. Daraufhin haben wir im Januar 2014 Klage gegen die Syker Kreiszeitung und die Wildeshauser Zeitung eingereicht. Meine Anwältin orientierte sich damals an Honorarklagen, die an den Landgerichten Mannheim und Köln geführt wurden und ließ dabei unter anderem die unterschiedlichen Zeilenlängen und Auflagenzahlen unberücksichtigt. Das trieb den Streitwert und die Prozesskosten unnötig in die Höhe. Insgesamt ergab sich für die Kreiszeitung Syke ein Streitwert in Höhe von 29.665 Euro. Bei der Wildeshauser Zeitung betrug der Streitwert 102.874 Euro.

Um die Verfahren am Landgericht Hannover und am Landgericht Oldenburg durchführen zu können, beantragte ich Prozesskostenhilfe. Allein das Verfahren zur Gewährung der Prozesskostenhilfe zog sich ein Jahr hin. Die Gegenseite versuchte mit allen Mitteln, das Verfahren zu verhindern. Unter anderem wurde behaupte, ich wäre gar nicht als hauptberuflicher freier Journalist tätig, obwohl ich Presseausweise des DJV vorlegen konnte.

Bis zu fünfstellige Honorarnachzahlungen

Die Klage gegen die Kreiszeitung Syke vor dem Landgericht Hannover endete im Februar 2015 mit einem Vergleich. Der Verlag musste 9.000 Euro Honorare zuzüglich Umsatzsteuer nachzahlen.

Das Verfahren gegen die Wildeshauser Zeitung am Landgericht Oldenburg zog sich bis Januar 2016 hin. Im Urteil wurde die Mediengruppe Kreiszeitung zu einer Honorarnachzahlung von rund 20.000 Euro zuzüglich Umsatzsteuer verurteilt. Zudem musste die Beklagte knapp 1.000 Euro meiner Rechtsanwaltskosten tragen. Zuvor hatte es von der Mediengruppe Vergleichsangebote über weniger als 5.000 Euro gegeben.

In beiden Verfahren wurde das Jahr 2010 allerdings als verjährt angesehen, da ich schon früher hätte klagen können.

Die gerichtlichen Auseinandersetzungen haben mir insgesamt rund 7.000 Euro an Anwalts- und Prozesskosten beschert. Unterm Strich blieben aber immer noch knapp 25.000 Euro Honorarnachzahlungen, die ich ohne Klagen nicht bekommen hätte. Einen kleinen positiven Effekt hatten die Verfahren dann auch noch. Die Bildhonorare bei Kreiszeitung und Wildeshauser Zeitung stiegen zumindest für meine Kollegen auf 20 Euro.

Ich würde auch heute, mit den Erfahrungen der beiden Honorarprozesse, jederzeit wieder für faire Honorar kämpfen. Sofern es notwendig ist, würde ich auch wieder prozessieren. Ich bin seit 2015 Mitglied im DJV und habe durch dessen Rechtsschutz eine gewisse Absicherung.

Belastende Ignoranz der Verlage

Was aber viel mehr belastet hat als die Kosten und das zeitaufwendige Zusammenstellen von Honorarabrechnungen, Belegexemplaren und weiteren Unterlagen, ist die Ignoranz der Verlagsleitungen gegenüber ihren freien Mitarbeitern. Ich habe teilweise für die lokalen Redaktionen sieben Wochen am Stück geschrieben, weil dort Personalnot herrschte. Über Jahre hinweg habe ich Feiertagstermine wahrgenommen, bin nachts zu Großbränden oder schweren Verkehrsunfälle gefahren und habe stundenlang Ratssitzungen verfolgt, ohne, dass dieses Engagement von den Verlagen entsprechend gewürdigt, geschweige denn honoriert wurde.

Auch heute noch habe ich zu den Kollegen in den Lokalredaktionen einen guten Kontakt. Das ist wichtig für mich, weil ich meinen Tätigkeitsschwerpunkt auf den PR-Journalismus verlagert habe und damit meinen Lebensunterhalt sichere. Zudem habe ich 2014 eine kleine lokale Onlinezeitung aufgesetzt, bei der ich heute täglich bis zu 2.400 Leser habe.

Verlage zur wirklich fairen Honoraren verpflichten

Nachdem die Zeitungsverleger nun die Gemeinsamen Vergütungsregeln gekündigt haben, wird es Zeit für eine wirklich faire Honorarregelung für freie Journalisten. Wie diese ausgestaltet werden, vermag ich nicht zu sagen. Wichtig ist jedoch, dass diese Vereinbarung für alle Verlage, ob im Zeitungsverlegerverband oder nicht, verpflichtend ist und dass bei Abweichungen nach unten mit Konsequenzen zu rechnen ist.

Wichtig ist nach meiner Auffassung aber auch, dass möglichst viele freie Journalisten an einem Strang ziehen. Denn nur wenn wir uns alle einig sind, können wir ein Gegengewicht zu den Verlagen darstellen. So lange es aber Kollegen und Kolleginnen gibt, die für diese Minihonorare arbeiten oder teilweise sogar Texte oder Bilder honorarfrei anbieten, wird es schwer, auf Augenhöhe mit den Verlegern zu verhandeln.

Zur Person

Martin Siemer ist hauptberuflich freier Journalist, Moderator und PR-Journalist. Seit Januar 2014 betreibt er die lokalthematische Online-Zeitung „Die Hunte“.


Mehr zur Honorarklage gegen die Wildeshauser Zeitung und die Kreiszeitung Syke

Gerichtsprotokoll und Vergleich mit Kreiszeitung Syke im Wortlaut

Urteil gegen Wildeshauser Zeitung im Wortlaut

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